Mehr als fünfundzwanzig Jahre waren vergangen, seit diese Filmrolle zuletzt das Licht gesehen hatte, bis ich sie in der nach Mottenkugeln riechenden Schublade im Schreibtisch meines Großvaters fand.
Ich kam zur Beerdigung meiner Oma nach Tscherepovets. Ein Jahr zuvor war mein Vater gestorben. Damals fuhr ich nicht hin: Ich hatte solche Angst, dass ich krank wurde. Ich redete mir ein, man würde mich nicht ins Flugzeug lassen, weil COVID noch nicht vollständig normalisiert war. Die Erkältung ging vorbei, doch die Wunde, die die Angst hinterlassen hatte, blieb. Als ich von meiner Mutter die Nachricht vom Tod ihrer Mutter erhielt, kaufte ich sofort ein Ticket. Auf dieser Reise fand ich nach dem Tod meines Vaters Frieden mit mir selbst.
Mehr als eine Hälfte meines Opas
Ich betrat die leere Wohnung. Als Kind war ich oft bei der Oma. Als ich an einer Lungenentzündung erkrankte, lebte ich zwei Monate hier. Jetzt war da nur Leere, erfüllt von Erinnerung. Die tickende Uhr, die knarrende Kommode, die untere Schranktür, die sich wegen des Drucks von Dreisers gesammelten Werken im Regal darüber weder öffnen noch schließen ließ – alles strahlte Zeit aus.
Aufnahme 16
Aufnahme 17
Ich kam mit einem Ziel hierher. Ich wollte diesen eingefrorenen, von der Zeit verlassenen Raum spüren; Gegenstände finden, die für mich einen besonderen Wert hatten, Dinge voller geheimer Bedeutung, Dinge, die meine Zeit absorbiert hatten und deshalb von meinem Leben erfüllt waren.
Das Zimmer war lang und schmal: links ein Bett mit einer Radiola am Kopfende; dann ein Sessel, in dem meine Großmutter saß und mit mir sprach, immer wieder dieselben Geschichten erzählend in ihrem Kampf gegen die Einsamkeit, als wollte sie mich noch ein wenig länger bei sich behalten. Am Ende ging ich doch. Hinter dem Bett stand ein Spiegel, als Trophäe aus Nazideutschland mitgebracht, nun abergläubisch mit einem weißen Bettlaken verhängt. An der rechten Wand stand ein langer Kleiderschrank, dahinter ein Schreibtisch. Die beiden Wände liefen auf ein Fenster zu, das den Raum abschloss und auf die Metallurgov-Straße hinausging.
Ich ging ans Ende des Zimmers und setzte mich an den Schreibtisch. Über ihm hing ein Porträt von Wyssozki mit einer Gitarre. Als ich in den Schubladen wühlte, verspürte ich eine unglaubliche, fast kindliche Freude – als hätte ich einen Schatz gefunden. Ich eilte zum Fotostudio „Kontrast“ in der Lenin-Straße und gab den Film zur Entwicklung ab.
Unser Haus, Aufnahme 7
Das Haus unserer Nachbarn hinter dem Apfelbaum, Aufnahme 6
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Furhad schenkte mir eine Zenit-Kamera, einen Entwicklungstank und Fotochemikalien. Mit diesem Geschenk setzte er die Suche nach meiner Vergangenheit in Gang.
Meine Großmutter hatte eine Kollegin aus dem Baukombinat, die Fotografie professionell betrieb. Ich erinnere mich nicht genau, wie es geschah, aber irgendwie bekam mein Vater von ihr alles Notwendige für die Schwarzweißfotografie und brachte mir das Entwickeln und Vergrößern bei. Oder vielleicht lernten wir es gemeinsam – ich weiß es nicht mehr genau. Es gab Bücher und Fahrten in das Geschäft „Goluboj Ekran“ („Blauer Bildschirm“ auf Russisch), um Fotopapier und Chemikalien zu kaufen.
Irgendwann ließ ich das alles hinter mir. Ich vergaß. Man vergisst aus Trägheit, aus der scheinbaren Bedeutungslosigkeit eines Ereignisses oder aus Schmerz. Manchmal vergisst man, weil man dazu gezwungen wird. Und je länger ich lebe, desto weniger Zeit bleibt mir, und desto mehr Zeit gehört der Vergangenheit. Das Vergessene wächst.
Die Zenit-Kamera wurde zu einer Einladung aus dem Vergessen in die Gegenwart. Ich stelle sie mir wie eine Art Pumpe vor, mit der ich Zeit aus der Vergangenheit in die Gegenwart umpumpen kann, um die Zeit, die mir noch bleibt, immer wieder aufzufüllen. Als wäre es Unsterblichkeit.
Auf dem Film sind nur wenige gelungene Aufnahmen, und ich kann die Umstände, unter denen sie entstanden sind, nur teilweise rekonstruieren.
Tante Fira – die Schwester meines Großvaters – kam aus Moskau zu unserer Datscha. Offenbar verbrachten wir im Dorf einige Zeit und fuhren dann nach Moskau zurück, um das Grab ihrer Eltern – meiner Urgroßmutter und meines Urgroßvaters –, über die ich fast nichts weiß –, zu besuchen. Ihr Nachname war Zarzhevskiy. Ein jüdischer Nachname war in der UdSSR wenig hilfreich, daher änderte mein Großvater ihn zu Zarzhavskiy – mit einem „a“ – und ließ in seinem sowjetischen Pass seine Nationalität in Ukrainer ändern. Der ursprüngliche Name, Zarzhevskiy, ist auf den Grabsteinen auf dem Foto eingraviert.
Ich und mein Opa in unserer Datscha, Aufnahme 2
Tante Fira und mein Opa in Moskau, Aufnahme 9
Tante Fira und mein Opa in Moskau, Aufnahme 10
Das Grab meine Urgroßeltern, Aufnahme 14
Der Familienname meines Vaters ist Vasilyev; auch darüber weiß ich wenig. Wie in Russland üblich trägt ein Kind nur den Namen des Vaters. Meine Mutter änderte ihren Namen nach der Heirat nicht – sie blieb Zarzhavskaya. Der einfache Name Vasilyev bereitet nicht-russischsprachigen Menschen in Deutschland Schwierigkeiten, sowohl in der Schreibweise als auch in der Aussprache. Lange Zeit schämte ich mich und schrieb „Wassiljew“, um den Klang etwas zu korrigieren, sonst wurde er stets „Fasilief“ ausgesprochen. Inzwischen habe ich aufgehört, mich zu schämen und mich anzupassen. Ich habe es sogar komplizierter gemacht und Zarzhevsky als zweiten Nachnamen hinzugefügt. Mit einem „e“. Vasilyev-Zarzhevskiy.
Ich bin ein Nachfahre von Menschen, die Stalins Säuberungen überlebten. Heute spreche ich häufiger über meine jüdischen Wurzeln. Heute lebe ich in Deutschland. Mehr noch: Ich bin sein Staatsangehöriger. Meine Großmutter pflegte zu sagen: „Ach was, das sind heute ganz andere Menschen dort“. Meine Illusionen zerbrachen, als ich erkannte, dass es hier nicht ganz „ganz andere Menschen“ sind und dass das deutsche Narrativ weiterhin antisemitische Mechanismen enthält, die Jüdischsein instrumentalisieren, um Macht zu sichern – wie früher, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Während der NS-Diktatur wurden Juden von den Nazis nicht als Individuen betrachtet; stattdessen wurde nur die Projektion der Juden durch die Nazi-Linse wahrgenommen.
Die heutige deutsche Projektion ist einfach: Ein „guter Jude“ ist vor allem ein Zionist, eine Figur, die das Märchen vom „guten Deutschen“ bestätigt – das Märchen davon, wie Deutschland den Faschismus erfolgreich überwunden, sich vom Faschismus gereinigt und eine liberale Demokratie aufgebaut hat. Und wenn du in Deutschland kein solcher Jude bist, dann bist du ein „schlechter Jude“. Und ich bin ein schlechter Jude.
Ich bin Zeuge, wie Deutschland Völkermord, Besatzung und Apartheid in Palästina unterstützt und dabei Jüdischsein instrumentalisiert, um seine Macht und imperialen Ambitionen zu bewahren. Und ich bin sogar froh, dass meine Oma all das nicht mehr erleben muss.
Dieses fotografische Projekt ist ein Akt persönlichen Widerstands, eine Weigerung gegenüber dem erzwungenen Vergessen und einer Fortschrittsidee, die Zeit zerstört. Es ist ein Akt der Rückverbindung mit Wurzeln und ein Versuch, eine von imperialer Herrschaft geraubte Vergangenheit zurückzuholen.
Mein Opa und Tom, Aufnahme 3
Tom, Aufnahme 4
Tom, Aufnahme 5
Tom, Aufnahme 8
Tante Fira und ich, Aufnahme 11
Tante Fira und ich, Aufnahme 12
Ich und mein Opa in Moskau, Aufnahme 13
Das Grab meine Urgroßeltern, Aufnahme 18
Das Grab meine Urgroßeltern, Aufnahme 19
Meine Verwandten, Aufnahme 20
Meine Verwandten, Aufnahme 21
Tante Fira (?), Aufnahme 22
Tante Fira, Aufnahme 23
Projektinformation
Kategorie:
Analogfotographie
Medium:
Baryt-Fotopapier, 17,8×24 cm
Datum:
unbekannt
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